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von Münster nach Osnabrück

vom 19. - 27. August 2017

 

 

 

 

Münster, wo wir ganze zwei Wochen verweilten, soll in einem internationalen Vergleich die familienfreundlichste Stadt sein. Nachdem wir uns von Saskia, Nicci, Ronald und Cédric verabschiedet hatten, kamen uns Urs und Dominique aus dem nicht so fernen Leer besuchen. Sie hatten Münster schon im vorigen Jahr mit ihrem Schiff Ria erfahren und uns geraten, den offiziellen Stadthafen zu meiden. Denn dieser lag offen an einer Ausgeh-Promenade mit vielen Restaurants am Ufer und noch mehr Jugendlichen in Freizeitstimmung. Der Tipp mit dem Dreieckshafen war darum für uns goldrichtig.

 

 

 
 

Dominique und Urs führten uns als Kenner durch die Stadt Münster, zeigten uns einige ganz besonders hübsche Winkel und besuchten mit uns den Blumen- und Gemüsemarkt.

 
 

 
 

Im Dom St. Paulus konnten wir einer Erklärung der dortigen Astronomischen Uhr beiwohnen. Sie läuft und läuft und läuft ....wie einst der VW Käfer. Allerdings war ihre Laufgenauigkeit nicht sonderlich verlässlich, konnte sie doch in der Woche bis zu sieben Stunden in Rückstand geraten. Aber was spielte diese "Ungenauigkeit" im Mittelalter schon für eine Rolle? Sie fällt erst uns auf, die wir unsere Armbanduhren und sonstigen Zeitgebern über Atomuhren abgleichen können, deren Abweichungen erst in galaktischen Zeiträumen relevant werden. Viel wichtiger war im Mttelalter eine Uhr, die korrekt die Wochentage mit den Kalendertagen, den Mondphasen und den davon abhängigen kirchlichen Feiertagen anzeigen konnte. Von höchster Wichtigkeit war die korrekte Vorausberechnung des Osterdatums. Hierzu verarbeiteten die Hersteller von astronomischen Uhren gewisse Zyklen, die bereits in der Antike herausgefunden worden waren.

 
 

 
 

7

Da gibt es erst einmal die Zahl 7, nämlich die Anzahl Wochentage. Woher kommt dieser Zyklus? Schon die Babylonier (2000 Jahre v.Chr.) zählten in ihrem Kalender sieben Tage. Sie entsprachen der Anzahl Tage zwischen Halbmond und Vollmond bzw. Vollmond und Halbmond etc.. Die sieben Einzeltage wurden nach den sieben mit bloßem Auge sichtbaren Wandelsternen des geozentrischen Weltbilds benannt: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, die zum Zeitpunkt der Benennung als Götter selbst angesehen wurden. Römer, Germanen und Päpste haben in ihren Kalendersystemen die Anzahl Wochentage und teilweise auch ihre Benennung in Verbindungen mit Gottheiten übernommen.

19

Die Zahl 19 ist in Kalendersystemen ebenfalls eine spezielle Zahl. Der griechische Astronom Meton (5. Jh.v.Chr.) bestätigte mit seinen Beobachtungen, was den Babyloniern bereits als Grundlage ihres Mondkalenders bekannt war, nämlich: Alle 19 Jahre finden sich Sonne und Mond vor denselben (Fix-)Sternen wieder. In diesen 19 Sonnenjahren zählt man 235 Mondmonate. Dieser Zyklus nannten nachfolgende Astronomen den Meton-Zyklus, auch wenn Meton nicht dessen Entdecker war. Ein neutraler Begriff dafür ist Lunisolarzyklus. Er bedeutet, dass alle 19 Jahre der erste Vollmond nach Frühlingstagundnachtgleiche wieder auf den gleichen Kalendertag im Sonnenjahr fällt.

28

Das Konzil von Nicäa legte im Jahr 325 fest, dass Ostern immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond stattfindet. Die Frühlingstagundnachtgleiche findet stets am 21. März statt. Wann danach Vollmond ist, lässt sich mit Hilfe des oben erwähnten 19-Jahre-Zyklus berechnen. Wann aber ist nach diesem Vollmond der nächste Sonntag?

Die Wochentage verfrühen sich von Jahr zu Jahr um 1 Kalendertag und nach einem Schalttag nochmals um 1 Kalendertag. Diese Schalttagverschiebung hat zur Folge, dass nur alle 28 Jahre die Wochentage übers ganze Jahr gesehen wieder auf die gleichen Kalendertage fallen (7 Wochentage mal eine 4-Jahres-Schaltperiode). Das bedeutet, dass alle 28 Jahre der erste Sonntag gleich viel Tage auf den ersten Vollmond nach Frühlingstagundnachtgleiche folgt.

532

Um eine Astronomische Uhr zu bauen, kann man folglich davon ausgehen, dass in 19 x 28 = 532 Jahren der Jahreskalender mit derselben Verteilung der Mondphasen und der Wochentage auf die Kalendertage wieder auftritt. Das astronomische Uhrwerk musste daher so ausgelegt werden, dass es alle 532 verschiedenen Verteilungen richtig vorausberechnen und korrekt anzeigen konnte. Uff¨!

Nach diesem Exkurs in die Kalenderarithmetik waren wir froh, dass wir uns heute auf eine international standardisierte Kalenderberechnung abstützen können, welche punkto Exaktheit und Stabilität in unserem Leben keine Irritationen mehr hervorruft. Wir verlassen uns mit der grössten Selbstverständlichkeit auf die kalendarischen Berechnungen, es sei denn, wir begäben uns in historische Dimensionen zurück, wo im Jahr 1582 zwecks Kalenderkorrektur dem 4. Oktober unmittelbar der 15. Oktober folgte, oder wo im Jahr 325 der Frühlingsanfang vom 23. auf den 21. März verschoben wurde. Noch heute dürfen wir die funktionierenden Uhrwerke bestaunen, die das seinerzeitige, modernste astronomische Wissen in analoge Umdrehungen von Zahnrädern und Zeigern übersetzt haben.

 
 
 
 

Als nächste Gäste durften wir in Münster Friedrich und Rebecca wiedersehen. Sie waren mit ihrem Auto von Versmold her gekommen und wollten uns ein klein wenig Umland von Münster zeigen. Sie führten uns nach Telgte, eine Ortschaft mit überaus hübschem Kern und einer sommerlichen Gartenwirtschaft neben dem Brunnen. Es war ein tolles, gemütliches Nachtessen bei einbrechender Abendfrische und wir weckten all unsere gemeinsamen Erinnerungen an die Begegnungen auf Frankreichs Kanälen in den zwei vorangegangenen Jahren auf.

 
 

 
 

Friedrich und Rebecca zeigten uns nach dem Essen die geschichtsträchtigen Winkel von Telgte, denn der Ort, so klein er auch erscheinen mag, war bereits in nachrömischer Zeit von Stämmen der Sachsen besiedelt. Als Karl der Grosse die Sachsen siegreich in sein Reich integrierte, wurden die Bewohner dieser Gegend christianisiert. Ludgerus, der erste Bischof von Münster, ließ in Telgte eine Kirche errichten. Diese Urpfarrkirche war vermutlich ein Holzbau. Warum nur genoss Telgte diese Beachtung? Der Ort lag an der Gabelung der von Süden kommenden Handelsstraße in Richtung Nord- und Ostsee, denn hier war eine Furt über die Ems. Der Hof an der Furt hiess Frankenfurt. Der gegenüber liegende Hof hiess Telgoth. Nach und nach wuchs Telgoth unter wandelndem Namen Telget und Telgith schließlich zu einer Stadt mit dem heutigen Namen Telgte heran. Der Ort erhielt im Jahre 1238 das Stadtrecht und gehörte dem Kaufmannsbund der Hanse an.

 
 

Zur Zeit, als die Täufer in Münster regierten, gewährte man dem Fürstbischof von Münster, Franz von Waldeck, in Telgte Unterschlupf, bis er „seine“ Stadt zurückerobert hatte.

Bis 1941 bestand eine Jüdische Gemeinde in Telgte. Die Synagoge wurde 1938 zerstört, der Friedhof 1942 eingeebnet. Heute erinnern an diesen Orten Gedenktafeln an die jüdische Geschichte Telgtes.

Nach so viel interssanten Informationen über diese Stadt spazierten wir zur Ems und in einem grossen Bogen zum Parkplatz zurück. Wir genossen den schönen Abend und die Gesellschaft unserer Freunde.

 
 
 
 

Auch die in Münster stationierte Schifffahtspolizei stattete uns einen Besuch ab. Sie kontrollierten uns. Beidseitig lernten wir dabei viel. Da wir mit unsern 23 Metern Schiffslänge nicht in die Checkliste für Sportboote passten, wandten sie auf uns die Checkliste für Berufsschiffe an. Da hatten wir plötzlich viele Mängel, bis sowohl die Schiffahrtspolizisten wie auch wir die Ausnahme- und Übergangsregelungen der Gesetze und Verordnungen im Detail studierten und lernten, was bei einem als Sportboot genutzten Schiff jenseits der 15 Meter Grenzlänge eben doch anders als bei einem berufsmässigen Frachtschiff ist. Eines wurde sehr rasch klar: Wir waren kein Kleinfahrzeug und hatten uns daher an den Liegeplätzen für die Berufsschiffahrt (Grossfahrzeuge) festzumachen. Dadurch öffneten sich uns unterwegs ganz viele Laufmeter an Liegekade, die vielfach auch mit Strom und Wasser ausgerüstet waren. Dort aber, wo zwischen Sportbooten und Berufsschiffen unterschieden wird, was vor allem im Vorschleusenbereich der Fall ist, gehören wir an die mit "Sport" bezeichneten Liegeplätze.

 
 
 
 

Unsere nächsten Gäste waren Åsa und Rainer. Sie kamen von Stockholm via Hamburg und von dort per Bahn nach Münster. Mit ihnen machten wir einen Tag lang Crash-Sightseeing in Münster und genossen im Restaurant "Freiheit 26" im Stadthafen von Münster ein gemütliches Nachtessen.

Dann fuhren wir mit unseren Gästen an Bord los, tankten vor der Schleuse Münster Triebstoff und Wasser und hielten auf der nachfolgenden Strecke Ausschau nach einem Geschäft mit Wassersport-Artikeln. Gemäss Polizeikontrolle fehlte uns zum dritten Rettungsring eine selbsteinschaltende Signalleuchtebei. Die Suche war so aussichtslos wie zu hoffen, in der Wüste einen Coca Cola-Automaten zu finden.

 

 

 

 

Unterwegs passierten wir den Yachthafen Fuestrup. Nach einer Tagesreise erreichten wir in Ibbenbühren bei Kilometer 4 auf dem Mittellandkanal einen sehr ruhigen Liegeplatz, ohne Strom und ohne Wasser zwar, aber herrlich erholsam, von Natur pur umsäumt und ohne vorbeifahrende Berufsschiffe, die Wellen schlugen. Beim morgendlichen Spazier-Trottinggang stiessen wir in der Nähe auf diesen kleinen Bach, der sich mit seiner ziegelroten Färbung kontrastreich vom umgebenden Grün abhob. Warum war er so rötlich? Wir waren mutterseelenallein unterwegs und fanden es nicht heraus.

 

 

 

 

Anderntags trafen wir nach einer ruhigen und nicht spektakulären Fahrt früh am Nachmittag beim Osnabrücker Motoryachtclub im Stichkanal nach Osnabrück ein. Wir hatten unsere Ankunft telefonisch vorabgesprochen und legten an dem für uns reservierten Liegeplatz an. Aus den Nachbarbooten kamen die Skipper hervor, halfen und staunten, denn nur ganz selten würden offenbar so grosse Schiffe in ihrem Hafen anlegen. Wir nahmen uns nicht viel Zeit zum Tratschen und wollten raschmöglichst Osnabrück besichtigen gehen. Das Infoblatt des Hafens enthielt bereits den Fahrplan und so gelangten wir schon bald von der nahe zum Hafen gelegenen Station Halen in die Stadt. Dort erkundeten wir auch die Zugsverbindungen nach Hamburg, denn unsere Gäste Åsa und Rainer fuhren am Tag darauf bereits wieder heimwärts. Einmal mehr Abschied nehmen.

 

 

 

 

Wir blieben mit der Dagens 2 noch eine Woche in Osnabrück.

 

 

 

 

Zu dieser Marina gehörte auch ein kleines Restaurant, wo sich die Clubmitglieder und Passanten trafen, trinken und auch etwas essen konnten. Eines Abends kam ein weiteres Schweizer Schiff im Hafen an. Sein Skipper kam mit seiner Frau nicht nur ins Clubhaus-Restaurant, um die Liegegebühr zu bezahlen. Nein, er brachte gleich seine Handharmonika mit und bereicherte den sonnigen Abend mit seinem Spiel. Die Musik und die gemütliche Stimmung auf der Clubterrasse verdrängten rasch den Gedanken, dass wir noch kurz zuvor unsere Jungen mit einem Hauch von Wehmut verabschiedet hatten.

 

 

 
 

Von Osnabrück aus besuchten wir per Bahn unsere Freunde Friedrich und Rebecca an ihrem Wohnort in Versmold. Wir durften Einblick nehmen in den Ort ihres gemeinsamen beruflichen Wirkungsfeldes und anschliessend auf der Terrasse ihres wunderschönen Wohnhauses ein köstliches Nachtessen mit gegrilltem Fisch geniessen.  

 
 

 
 

So ein feiner Fisch an diesem schön warmen Sommerabend, das war ein Gaumenschmaus.

 
 

 
 

Auf der Fahrt nach Versmold streiften wir den Teutoburgerwald, der uns bisher vom Lumpelied "Als die Römer frech geworden ...." nur dem Namen nach bekannt gewesen war. Auch kamen wir bei den Orten "Bad Laer" und "Bad Rothenfled" vorbei und sahen grosse Gradierwerke. Was ist ein Gradierwerk?

 
 

Im Gebiet der zwei Badekurorte fliesst salzhaltiges Wasser aus dem Boden. Aus ihm wurde früher Speisesalz produziert und zu guten Preisen verkauft. Das salzhaltige Wasser tröpfelt im Gradierwerk von oben über eine mit Reisig gefüllte Wand in einen unteren Sammelkanal. Beim Herunterträufeln verdunstet ein Teil des Wassers und im Restwasser steigt der Salgehalt.

Um daraus dann Kristallsalz herzustellen, muss man mit viel Energezufuhr das restliche Wasser verdunsten ("Salz kochen").

 
 

In neuerer Zeit hat man die feuchtigkeitsgeschwängerte Verdunstung aus dem Gradierwerk auch als Inhalier-Therapie für Badekuren entdeckt und hierfür zweckmässige Rundbauten als Gradierwerk geschaffen.

 

Nach solchen Erlebnissen im Landkreis Osnabrück und nach all den tollen Begegnungen und Erfahrungen mit unseren Freunden Rebecca und Friedrich verliessen wir mit vielen neuen Eindrücken Osnabrück und fuhren nach Hannvover.

 

 

 

 

 

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 aktualisiert: 14.2.2017 / BG