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Bruno - raconte-moi tes ciseaux

 

 

Bruno, unser Nachbar am Schiffssteg in Cergy, war mit Leib und Seele Coiffeur, ein Künstler von Coiffeur und ein Psychologe als Coiffeur. Er betrieb seit über zwanzig Jahren an der Rue de Comaille 8 im siebten Arrondissement von Paris einen Coiffeursalon. Seine Spezialfähigkeiten lagen darin, Kinderängste vor dem Haare-schneiden zu vertreiben und Spannungen zu lockern, wenn begleitende Eltern für ihre Kinder eine andere Frisur verlangten, als dem Kind vorschwebte. Aber natürlich war er nicht nur für Kinder da. Er verschönerte auch Damen und Herren als Kunden auf seine ganz einfühlsame Art.

 

 

 

 

Es gab Kinder, die kamen auch als Dreissigjährige noch zu ihm und liessen sich verwöhnen. Der Stuhl, auf dem Kinder Platz nehmen durften, war die Zinne eines Holzturmes oder der Rücken eines Schaukelpferdes. Bruno schaffte es immer irgendwie, zwischen Stillsitzen und dem kindlichen Bewegungsdrang zu optimieren und zwischendurch einen nächsten Schnitt mit der Schere anzubringen. Wer gut mitmachte, erhielt am Ende einen Stengel Zuckerwatte. Für Teenager hatte Bruno einen andern Stuhl, der sie während des Haarschnitts elegant-lässig, aber aufrecht sitzen liess. Er war im Quartier beliebt. Seine Tagesagenda füllte sich dank einem online Reservationssystem von alleine mit den nächsten Kunden.

 

 

 

 

Neben so einem Schiffsnachbarn kann man ja nicht einfach leben, ohne ihn auch auf die Probe zu stellen. Also reservierte Bernadette bei Bruno auf Freitag, den 19.12.2014, einen Termin und liess sich überraschen. Erst erhielt sie von Agnès, der Partnerin von Bruno, eine Kopfwäsche / -massage. Damit war schon mal eine Ausgangslage von wohltuender Ruhe geschaffen. Dann ging Bruno ans Werk. Er stellte neben dem Coiffeurstuhl zwei Seitenspiegel auf Ständer und konnte dadurch stets im Blick halten, wie die Frisur sich mit jedem Schnitt optimaler auf Bernadettes Kopfform und Gesichtsprofil zu entwickelte.

 

 

 

 

Dieses Erlebnis, seine Haare in der Weltstadt Paris in einem Friseur-Salon mit intimer Quartier-Gemütlichkeit schneiden zu lassen, dieses Gefühl, den obersten Teil seines eigenen Ichs den Händen eines Künstlers anvertraut zu haben und das daraus entstandene Resultat am eigenen Kopf zu sehen, beglückten Bernadette.

 

 

vorher

nachher

 

 

Als unser Sohn Erich über Weihnachten zu Besuch auf Dagens 2 weilte, hatten Bruno und Agnès auch ein paar freie Tage und bewohnten ihr Schiff "Pachacámac" im Hafen von Cergy. Nach gegenseitigem Vorstellen und Kennenlernen ergab ein Wort das andere, ein Gedanke führte zum nächsten .... naja, es kam, wie es kommen musste: Der Haarschopf von Erich, das Coiffeurbesteck von Bruno, ein Stuhl und ein Licht auf dem Achterdeck von Pachacámac, schon liess sich Erich am 27. Dezember 2014 auf das gleiche Erlebnis ein wie zuvor Bernadette: Er vertraute dem Künstler Bruno seinen Schopf an. Dieser beschaute Erichs Kopf von allen Seiten, schnitt durch die Haare, schaute prüfend auf das Zwischenresultat, schnitt weiter und weiter .... der Wind verfrachtete die abgeschnittenen Haare ins Dunkel der Nacht, bevor sie auf das Deck fallen konnten .... und schon präsentierte sich Erich mit gelichtetem Haupthaar. Hinter den Fensterscheiben von Dagens 2 warteten interessierte Zuschauer auf das Resultat. Sie sassen gemütlich an der Wärme, während draussen eine winterlich-frostige Temperatur herrschte.

 

 

 

 

 

 

Nach vollbrachtem Werk waren alle auf Dagens 2 zu Tisch geladen, wo Bernadette uns ein Festmahl servierte, wie nur sie es so geschmackvoll und erquickend herzurichten versteht.

 

 

 

 

So präsentierte sich anderntags das Resultat der bei starkem Wind und frostigem Wetter in der Nacht zuvor an Erich vollbrachten Verschönerungsaktion.

Unsere lieben Nachbarn hatten als ihren Beitrag zu diesem nachweihnächtlichen Festessen direkt aus dem Herzen von Paris zwei Dessertkuchen mitgebracht. Der Abend war lang, die Gespräche spannend und unterhaltend, der Nachschub an Wein ausreichend, das Bett war nah. Ein süsser Traum beschloss den abwechslungsreichen Tag.

 

 

Wie ein Traum endete auch der Frisör-Salon von Bruno. Er hatte sich das Schiff "Pachacámac" gekauft, um mit seiner Partnerin Agnès in eine neue Lebensphase aufzubrechen. Frisieren auf dem Schiff, war ihre Zukunftsvision. Irgendwo an einem völlig neuen Ort, und jederzeit die Freiheit haben, weiterzuziehen. Die Plangedanken kreisten über Brüssel und Antwerpen und landeten schliesslich am heutigen Ort, in Le Havre. Dort gibt's jetzt Frisieren an Bord. Zwischendurch können Agnès und Bruno mit ihrer hochseetauglichen Pachacámac auch aufs Meer hinaus fahren und die Unendlichkeit spüren.

 

 

Am Standort des originellen Coiffeur-Salons im 7. Arrondissement von Paris werden jetzt Blumen feilgeboten.

 
 

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 aktualisiert: 26.1.2017 / BG & hg